Glaubst Du noch an Tierversuche?

Ein Frühwerk aus der Schublande meiner ersten längeren Geschichten. Alle Firmen- und Personennamen sind reiner Zufall und haben nichts mit wirklich existierenden natürlichen oder juristischen Personen zu tun.

Es ist schon wieder der Spiegel. Ich habe nicht daran gedacht, weg zu schauen, als ich daran vorbei gegangen bin. Hinter dem Glas musste ich wieder diesen Mann sehen, der ich sein soll. Ich will das nicht sein! Noch immer wird mir total übel, wenn ich daran denken muss, dass ich das bin, der Mensch im Spiegel. Nicht ich, nicht wirklich, jedenfalls sehe ich das nicht so. Die rücksichtslose Platte aus Glas und Silber reflektiert ein Bild des Körpers, der mir nicht mehr gehört. So fühlt es sich zumindest an. Gefangen bin ich in diesem Kopf, muss diese verseuchten Hände für mich arbeiten lassen, und auf den ebenso unerträglichen Beinen gehen.
Abhärtung ist wichtig, darum lasse ich den Spiegel hängen, auch wenn ich jeden Morgen kotzen muss, wenn mein halb wacher Blick die glänzende Scheibe streift, und in einem blendenden Lichtreflex widerlich eindeutig diesen Umriss erkennt. Heute kann ich das Bild betrachten, ohne würgen zu müssen. Nicht, dass sich sowas wie Gewöhnung einstellen würde. Man kann einfach nicht so viel essen, wie man kotzen könnte, wenn einem die Tatsache vor Augen gehalten wird, dass man in einem Körper festsitzt, den man am liebsten desinfizierend verbrennen würde.
Jedenfalls werde ich ihn nicht auch noch füttern, ich werde diese verfälschte, dreckige Hülle aushungern, nur um zu zeigen, dass ich es kann, dass ich allein die Kontrolle inne habe! Die Hände, die meine sein sollen, beginnen seit ein paar Tagen, sich zu wehren. Zitterig werden die dürren Dinger, aber ich lasse nicht locker, wenn ich sie und ihren Anhang schon nicht umbringen kann, ohne selbst dabei drauf zu gehen.

Jedesmal schockiert mich, wie normal und menschlich das Spiegelbild aussieht. Man müsste annehmen, dass dort ein ganz normaler Typ steht, eine heile Einheit aus Seele und Materie. Ich bin unsichtbar, hinter meiner verhassten Fassade, die als attraktiver Mann anfang dreißig auftritt. Nur in dem vom auch schon verpesteten Schädel begrenzten Gefängnis kann ich allein die zerrissenen Bänder spüren - meine Seele hat überlebt, aber sie ist isoliert, findet keine Heimat mehr in dem, was sonst noch von mir übrig geblieben ist.
Nach fünfzehn Jahren war ich so sicher, mich endlich befreien zu können, ich war hier, in der Welt der Menschen, physisch frei. Doch die Euphorie hielt nicht lange. Ich wusste schließlich, was passiert war, was für alle Zeiten tief in mein Gedächtnis eingemeißelt bleiben wird. was ich mitbekam war, dass ich Ganz davon abgesehen, hatte ich wenig später auch noch eine Patentklage am Hals, die sich zum Glück von selbst aufgelöst hat. Ja, ich weiß, dass es total krank klingt, aber ich bin stückweise patentiert, die Vervielfältigungsrechte an Teilen meiner DNS besitzt Monsinto. Dafür kann ich nichts, ihre beschissenen Lizenzgebühren sollen sie von "ihnen" einklagen.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange "sie" mich in dem verrückten Biotech-Labor eingesperrt hatten. Noch weniger konnte ich raten, wo auf oder unter der Erde es lag. Alles, was ich mitbekam, war, dass ich einige Jahre älter wurde. Was vorher gewesen war, verschwand irgendwann aus meinem Bewusstsein, so wie zeitweise auch der Gedanke daran, dass es ein Leben danach geben könnte. In vagen Visionen und eiskristallklaren Fragmenten strömt mir die erste Hälfte meines Lebens wieder ins Gedächtnis, rückwärts von dem Tag ausgehend, an dem die Tür zur Hölle auf Erden kaum hörbar hinter mir in ihr elektromagnetisches Zahlenschloss fiel. Um sich nicht sofort verdächtig zu machen, hatte sie vorher ein paar Tage lang offen gestanden, ich hätte einfach gehen und nie wieder auftauchen können. Aber damals, mit erst sechzehn harmlosen Jahren hinter mir, und sowas wie einer Hoffnung vor mir, hatte ich die Tür nicht als solche erkannt.

Es war kurz nach der Abschlussfeier, vielleicht ein oder zwei Monate danach. Das letzte von zehn Schuljahren war geschafft, ich hatte es mit Zweien in allen Naturwissenschaften gemeistert, und war tierisch stolz auf meinen Ausbildungsvertrag bei dem mittelständischen Laborbetrieb am Stadtrand. Soviel ich über die Firma erfahren konnte, und verdammt nochmal, von außen hätte es absolut jeder glauben müssen, führte sie Testreihen und anspruchsvolle Studien im Auftrag verschiedener Unternehmen und Behörden durch. Anständig, sauber, mit gutem Ruf und vertrauenswürdigen Bilanzen.
Glühend aufgeregt auf die Zukunft, suchte ich mir eine Wohnung in der Nordstadt, diese Gegend konnte ich mir als Azubi leisten, und fuhr jeden Morgen mit der Straßenbahn nach Empelde raus, wo das Labor lag. Assistent im Fachbereich Biochemie, das klang spannend. Ich würde mit gebildeten Vorgesetzten zusammen arbeiten, wichtige Ergebnisse herausfinden.
Die erste Woche war auch wundervoll, und ich freute mich sogar, als mir angeboten wurde, als Testperson an einem Versuch teilzunehmen. Meine Güte, klang das harmlos nach einer netten, neuen Erfahrung, und einem kleinen Extra-Einkommen, das ich dringend nötig hatte.
Jetzt stehe ich hier, die Augen geschlossen, damit ich die Außenwelt nicht sehen muss, die allein durch das Wissen davon abstoßend wirkt, dass ihr Bild von meiner Netzhaut verarbeitet wurde. Die Hand, die auf meine Gedanken hört, ich möchte sie nicht als "meine" Hand bezeichnen, hält einen dreifach gefalteten, weißen Zettel. Der Brief ist vorhin angekommen, er ist vom Gesundheitsamt. Soll ich in lesen? Ich habe solche Angst davor, dass ich ihn am liebsten aus dem Fenster fallen lassen würde, in den Fluss, der direkt vor dem Haus entlang fließt. Im Morgenlicht glitzern unzählige Sterne auf der Ihme, tanzen auf den flachen Wellen, fünf Stockwerke unter mir.

Sich für das Experiment anzumelden, war der entscheidende Fehler, wie ich früh erfahren musste. Denn es war nicht bei einer Testreihe geblieben. Niemand hatte Interesse daran, seine einmal gekauften Laborratten wieder auszuwildern. Nach den neuen Psycho-Medikamenten kamen bioneurale Implantate, deren Verträglichkeit an uns erforscht wurde, an uns apathischen Dingern, die in ihren weiß gekachelten Zellen vor sich in vegetierten. Noch schlimmer waren die Prototypen von Prothesen, für deren Belastungstests sie realistische Bedingungen schufen, indem sie mir vorher die Beine brachen. Betäubungsmittel waren wohl zu teuer, oder überflüssig für das Inventar an Bioautomaten wie mir. Man könnte fast von einer ruhigeren Zeit sprechen, als sich das Labor irgendwann auf Impfstoffe spezialisierte.
Wie ich nach meiner Flucht mitgeteilt bekam, als ich mich in die nächstbeste Arztpraxis gerettet hatte, handelte es sich um diese neuen Genetischen Resistenzen. Sie dringen im Gepäck künstlicher Viren in jede einzelne Zelle ein, und programmieren die DNS des Patienten um. Es muss auch viel Grundlagenforschung dabei gewesen sein, soweit die Vermutung, denn die meisten DNS-Sequenzen haben sich bei weitem nicht in alle Zellen ausgebreitet, und nur einige davon ergeben tatsächlich einen Sinn.
So wurde ich unbemerkt zu einer identitätslosen Mixtur. Mein richtiger genetischer Code lässt sich nur noch in Bruchstücken rekonstruieren, und wer zwei beliebige Zellkerne untersuchen würde, könnte teilweise nicht einmal eine nahe Verwandschaft feststellen.

Dieser Körper gehört schon lange nicht mehr mir. Eine namenlose Organisation hat ihn übernommen, und niemanden interessiert es. Es ekelt mich an, darin leben zu müssen, und durch zu stabiler Sehkraft aufgewertete Konstruktionen hinaus zu schauen. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich überhaupt aus dem unterirdischen Sicherheitstrakt entkommen konnte. Erst draußen, als mir der Schnee in die nackten Füße und entwöhnten Augen stach, und ich im eisigen Wind kaum noch atmen konnte, wachte ich aus meiner Trance auf.
Irgendwie schaffte ich es bis zur nächsten Straße, wo ein Autofahrer mich aus dem Graben aufsammelte, der in einer zischelnden Sprache auf mich einredete, von der ich kein Wort verstand. In der Hoffnung, dass er noch eine andere Sprache konnte, versuchte ich es erst mit Englisch und dann mit Deutsch, aber es blieb bei einem hilflosen Versuch. Nach fünfzehn Jahren in der absoluten Isolation brachte ich kein sauber artikuliertes Wort hervor. In einer verlassenen Seitenstraße am Rand einer Ortschaft warf er mich wieder aus dem Wagen, und knallte mit einem weiteren, fremden Wort die Tür zu.
Mit der Hilfe einiger Beamter konnte ich wieder nach Hannover einreisen, obwohl ich weder einen Pass hatte, noch im internationalen Biometrie-Register zu finden war. Mein Name ist mir bis heute nicht wieder eingefallen. Das Sozialamt hat mir diese Wohnung hier vermittelt, in der ich seit fast einem Jahr lebe. Eigentlich ist es eine schöne Wohnanlage, sie liegt direkt an der Ihme, kleine Boote fahren an den mit Grünzeug berankten Häusern vorbei, und nichts ist höher als acht Stockwerke.
Von innen ist mein Apartment eine Ausnahme, denn ich lasse es so schlicht und eindruckslos wie möglich. Die Wände sind schwarz, weil Weiß mich rund um die Uhr an meine Zelle im Labor erinnern würde, und ich habe fast gar keine Möbel beantragt. Ich will nichts sehen. Mein Fenster ist das einzige ohne Blumen, denn ich will nichts riechen, und es bleibt geschlossen, weil ich genauso wenig hören will.

Bevor ich mich in Deutschland frei bewegen durfte, wurde ich vom Gesundheitsamt lückenlos untersucht. Das nächste Labor, ich ließ es kommentarlos über mich ergehen. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass ich keinerlei Hilfe brauchte. Medizinisch betrachtet, war ich völlig gesund, eine stichprobenhafte DNS-Analyse zeigte keine besonderen Risiken, nur ein gerade noch kompatibles Durcheinander.
Dummerweise hatte das Amt meine DNS-Proben in einer Außenstelle von Monsinto prüfen lassen, diesem Biotech-Konzern, der reguläre Untersuchungen am kostengünstigsten abwickelt. Monsinto hält eine Menge Patente auf Verfahren und Sorten, und ein paar ihrer geschützten DNS-Sequenzen fanden sie bei mir wieder.
Sofort ließen sie ihre korrupten, weltfremden Anwälte auf mich los, als hätte ich nicht genug eigene Probleme. Der Richter wusste gar nicht, ob er lachen oder Amok laufen sollte, als er die Anklageschrift las. Rein juristisch gesehen, sollte es gleichgültig sein, ob ich mir die innovativen Sequenzen "mutwillig angeeignet" hatte, oder, wie es wirklich war, sie selbst nur loswerden wollte.
Natürlich brauche ich keine Existenz-Lizenz zu bezahlen, wovon sollte ich das auch, aber ich musste eine Erklärung unterschreiben, die nicht nur mich an der Menschheit zweifeln lassen würde (wenn ich von selbiger denn noch etwas halten würde). Kopierverbot, schon mal davon gehört? Seit dem ist es mir offiziell verboten, diese Drecksgene, die meine Zellen verpesten, zu duplizieren, Eigenbedarf ausgenommen. Danke für die Großzügigkeit! Wundheilung ist also noch erlaubt, und Kindern könnte ich es sowieso nicht zumuten, in so einer Welt zu leben.

Ich habe versucht, zu leben, sowas wie einen Alltag aufzubauen. Es konnte nur daneben gehen. Eine Weile lang lenkte ich mich ab, indem ich mich in der Nähe von Veranstaltungen und Kneipen aufhielt, die in Reichweite der Fahrkarten lagen, für die meine Sozialhilfe gerade ausreichte. Dort habe ich angefangen, mit anderen Menschen zu sprechen, was für mich aber zu oft in einer stinkenden Mischung aus Neid und Selbstverachtung endete. Ich gehörte nicht mehr dazu, fühlte mich nicht mehr als echter Mensch.
Am schlimmsten waren die Frauen, die mich mochten. Vor denen konnte ich nur weglaufen, um zu verhindern, dass ich sie im Affekt von der nächsten Autobahnbrücke schubste. So wie ich diesen verpfuschten Körper hasse, kann ich jeden nur verachten, der gefallen an ihm findet.
Darum bleibe ich die meisten Tage lang in meiner kleinen, leeren Wohnung. Wenn ich nicht gerade eine Tablette nach der anderen in mich hinein kippe, oder ein paar Stunden in der darauf folgenden Apathie überbrücke, suche ich im Internet nach anderen Laborratten. Zugegeben, inzwischen habe ich auch das aufgegeben. Falls noch jemand flüchten konnte, warum sollte der eher in der Lage sein, sich zu äußern, als ich? Gar nichts kann ich erzählen oder aufschreiben. Nichts. Totale Blockade. Bei einer dieser sinnlosen Web-Touren, als ich gerade gegen den Schlaf kämpfte, dessen Träume ich einfach nicht mehr ertrug, traf ich schließlich Nadiye.
Sie war die erste Dame, deren Briefe ich lesen mochte, denn sie redete tatsächlich nur mit mir, nicht mit der Kreatur, die der Spiegel zeigt. Letztere hatte sie noch nie gesehen, als wir und vor knapp vier Monaten unten am Fluss verabredeten. Seitdem ist Nadiye fast jeden Tag hier, und inzwischen weiß sie mehr über mich, als ich selbst zusammen bekommen würde, sollte ich es am Stück berichten. Nadiye, du bist mein neues Leben, du verstehst mich!
Vielleicht kommt es daher, dass sie mich unabhängig von dem formschönen Gentech-Biomüll meiner materiellen Existenz kennengelernt hat. Mein Engel hat kapiert, dass mein Körper nicht zu mir gehört, dass es den nur gratis dazu gibt, und ... nun ja, ich weiß nicht, ob sie nur viel Schauspiel-Talent besitzt, oder ob sie den gleichen abgrundtiefen Hass ebenfalls empfindet. Und sie hilft mir dabei, ihn wenigsten vorübergehend auszuleben. Am Anfang zögerte sie noch, bevor sie endgültig erkannte, dass es mir keinen kalten Kehricht bedeutet, was meine Nerven für Schmerzsignale ins Gehirn senden.
Es war ein Abend vor wenigen Wochen. Ziemlich spät war es geworden, und sie wollte hier übernachten, wer geht schon gerne im Dunkeln durchs Ihmezentrum. Wie jedesmal, wenn sie es sich auf meinem Bett bequem machte, reichte ich ihr ein paar Latex-Handschuhe. Könnte es nicht zulassen, dass sie sich die Finger schmutzig macht, an meiner zum Versuchsobjekt entwürdigten Haut. Nadiye akzeptiert das, sie hat sich daran gewöhnt, dass ich mich als Beleidigung für andere empfinde. Und auf einmal dachte ich, "verdammt, du verdienst das nicht!". Irgendwo fühlte ich ihre Hand, meinen Nervenzellen gefiel das, und es war mir nicht recht, dass diese Dinger in meiner Haut positive Signale senden durften.
Spontan streckte ich den linken Arm aus, langte zu einer Kiste voller Kram hinüber, die achtlos auf dem Boden stand, und fischte einen Moment darin herum, bis ich ein kleines, gelb-silbernes Küchenmesser fand. Mit halb geschlossenen Augen tastete ich nach Nadiye, die sich an den rechten Rand zurück gezogen hatte, und drückte ihre dünnen Finger um den Plastikgriff. Ich weiß nicht mehr genau, ob es Telepathie war, oder ob ich geflüstert habe, dass sie dieser Zufallskombination patentgeschützter Programme zeigen sollte, was so etwas wirklich verdiente.
Es tat gar nicht weh, denn für mich füllte den ganzen Raum diese unbeschreibliche Befriedigung, wieder ein paar meiner ätzenden Blutstropfen los zu werden. Morgens unter Dusche spülte ich die verschorften Schrammen so lange ab, bis ich verträumt beobachten konnte, wie noch ein paar rote Streifen in die Kanalisation verschwanden, wo sie hingehörten. Wenn die perversen Experimente keine langfristigen Nachwirkungen haben, bringt mich früher oder später mein Selbstzerstörungswahn um. Fast könnte man glauben, dass hier ein geplantes Shutdown-Programm an der Arbeit ist - vielleicht ist es sogar urheberrechtlich geschützt.

Würde ich mein sauberes Hemd ausziehen, wären da jetzt jede Menge verkrustete Linien. Stattdessen schaue ich wieder an meinem Arm hinunter, zu dem unscheinbaren Briefumschlag in meiner Hand, der heute Morgen angekommen ist. Eigentlich kann ich froh sein, dass er nicht von Singenta ist, dass diese Spinner mich fürs erste in Ruhe zu lassen scheinen.
Singenta ist noch so ein Biotechnologie-Konzern wie Monsinto, mit als Anwälte bezeichneten Jurasklaven, für die es nur drei Arten von Lebewesen gibt: Kunden, Arbeitsmaterial, und atmende Urheberrechtsverletzungen. Gestern wollten sie mich beim Sozialamt abfangen, haben mich vor dem Eingang schleimig-freundlich angesprochen, ob ich nicht mal kurz mitkommen würde, es gäbe da etwas zu klären. Natürlich hatte ich ganz plötzlich keine Zeit mehr, und bin in einen Bus gesprungen, der gerade an der Straße hielt. Ein paar Minuten und Haltestellen später, ich fand mich mitten in Mittelfeld vorm Messegelände wieder, bin ich an einer hübschen Ecke wieder ausgestiegen, und war am Nachmittag endlich wieder zu hause im Betonkomplex von Linden.
Kaum hatte ich angefangen, Nadiye die Verspätung zu erklären, klingelte es auch schon an der Tür. Schleimig-freundlich wie vorhin, wollten die zwei Anwälte kurz mal herein kommen, aber als sie unsere Wohnung sahen, wollten sie mich doch lieber standesgemäß in die Dönerbude an der Limmerstraße einladen. Eine Lektion habe ich aus der Angelegenheit mit Monsinto gelernt: Firmenvertreter dürfen nie die Übermacht stellen. Darum hab ich meine Freundin mitgenommen, und wir haben uns das deprimierende Gelaber gemeinsam angehört.
Jede Firma kann beim Gesundheitsamt meine Daten anfordern, das ermöglicht das inzwischen nicht mehr ganz neue Urheberrecht. Wenn ein begründeter Verdacht auf Verletzung geistigen Eigentums vorliegt, müssen die betroffenen Organisationen alle zur Ermittlung nötigen Daten bereitstellen.
Wir haben uns also die Story von den auf unerklärliche Weise in mein Erbgut übertragenen Sequenzen angehört, und dazu auch die Story davon, dass ich der einzige bekannte Schuldige sei, und dass ich natürlich jeden Schadenersatz von den Verantwortlichen zurück fordern könnte, sobald diese ermittelt seien, bla bla bla, und dass die Gefahr der unkontrollierten Verbreitung besteht, wenn nicht vollständig getestete DNS ins Freiland gerät ... bin ich ein Unkraut, das reguläre Freisetzungsversuche behindert? Für manche Leute offensichtlich ja.
Wie auch immer, jedenfalls bin ich an diesem Abend durchgedreht. Nachdem ich mich bis nach Einbruch der Dunkelheit geweigert hatte, ein paar schwachsinnige Papiere zu unterzeichnen, in denen so ein Zeugs vonwegen Kontrollen, Verboten und Schadenersatz stand, muss der ältere Anwalt wohl ein falsches Wort zu viel gesagt haben. Mein Gedächtnis zeigt nur noch ein Standbild, wie ich eine fettige Gabel in seine Wange presse und der ewig unterdrückte Schrei hervor bricht: "Dann nehmt diesen Scheiß doch zurück, wenn ihr könnt!"
Als der andere Vertreter die Notruf-Taste an seinem Telefon fand, zerrte Nadiye mich schon auf die Straße. Etwas silbernes klimperte zwischen meinen Fingern, ich hatte dem Typen spontan seinen Autoschlüssel geklaut. Der Engel neben mir griff nach dem Schlüssel, und fünf verschwommene Sekunden später saßen wir in einem dunkelblauen Mercedes, den sie mangels Übung etwas ungeschickt über die Schienen der Linie Zehn und Richtung Innenstadt lenkte.
Niemand verfolgte uns sichtbar, aber natürlich war uns klar, dass man den Wagen suchen würde. Nach einer planlosen Tour durch die Südstadt, am Tiergarten vorbei und quer durch Andertens Altbauten, ließ Nadiye das Auto auf einer Brücke stehen. Der schmale Mond spiegelte sich im Mittellandkanal, als wir nebeneinander am Geländer standen, und stumm eine Ente beobachteten, die unten auf die entfernt glitzernde nächste Brücke zu schwomm.
Hinter uns leuchteten Laternen den geschlossenen Eingang der Schleuse aus, die ich als Kind einmal besichtigen durfte. Wieder so eine Erinnerung. Sie tauchen aus dem Nichts auf, und tun dann so, als hätte ich sie schon immer gewusst. Das muss mit Gedächtnis-Blockern zu tun haben, mit denen letztens in den USA die ersten Trauma-Patienten behandelt wurden.
Was sollte uns davon abhalten, einfach wieder nach hause zu fahren? Wer mich finden wollte, der würde es schaffen, ich brauchte also gar nicht erst versuchen, mich nach irgendwo abzusetzen, wie in einem schlechten Film. Da wir beide keine vollen Stationen mögen, fuhren wir nur bis zum Aegi mit der Linie Fünf, und gingen von dort aus zu Fuß durch Hannover. Jetzt ist wieder später Morgen, der Postbote hat mich geweckt, um diesen Brief vom Gesundheitsamt abzugeben.

Während ich hier stehe und zögere, haben meine nervösen Finger den Umschlag längst aufgerissen. Viel steht nicht auf dem Zettel, nur der aktuelle Report über meinen regelmäßig beobachteten Zustand. Trotzdem ist dieser Report anders als die früheren. Sie haben eine neue Protein-Signatur im Hirnwasser festgestellt, und ich weiß, was das bedeutet. Medizinisch nichts weiter, nur ein weiteres, experimentelles Virus konnte in meinen Kopf vordringen und dort ein paar Zellen umprogrammieren. Für mich bedeutet es aus irgendeinem Grund aber mehr: Was auch immer da drinnen meine Gedanken denkt, hat sich noch ein Stückchen von mir entfernt. Da draußen, unter dem Fenster, glitzert die Ihme wie ein Himmel voller Sterne.
Nadiye muss die ganze Zeit hinter mir gestanden haben. Leise nimmt sie mir das Papier aus der Hand, liest es durch, schaut mich an, schaut auf den Fluss, und wieder zu mir. Sie weiß, was ich vor habe.
Das Wasser in der Tiefe strahlt im klaren Sonnenlicht, es ruft nach mir, und verspricht ein gutes Ende. Heute kann ich nicht springen, nicht wenn sie hier ist. Sie würde nicht versuchen, mich aufzuhalten, sicherlich nicht, aber ich habe Angst, dass sie mir folgen könnte. Gegen Mittag wird es draußen ruhiger werden, wenn die Menschen in ihren Wohnzimmern sind.
Nadiye wird dann auf der Arbeit sein, Nachmittagsschicht im Bioladen, in dem sie aushilft, seit sie ihre Stelle bei Metro gekündigt hat. Seitdem sie meine mangels Nerven unterschriebene Erklärung von Monsinto gelesen hat, will sie nicht mehr für globale Unternehmen arbeiten, und jobbt jetzt für die Initiative "Ökologische Lebensmittel aus der Region".

Der Spiegel aus Wellen ist hart wie Stein, und lässt mich dennoch hindurch. Eisiges Wasser heißt mich willkommen, es wirft das Licht in tausend Sternen zurück in den Himmel, so dass es darunter dunkel wird, dunkel wie die Nacht, schwarz wie meine Seele. Ich bin angekommen.

Es ist warm hier, und trocken. Warm und trocken. Staubfreie Luft wirbelt durch meine Nase, sie riecht nach Waschmittel. Ich lebe. Warum nur?

Der Arzt neben meinem Bett hat mir alles erklärt, zumindest so viel, wie er sagen darf. Dass er nicht alles darüber verrät, wie mein ursprünglicher DNS-Code wieder beschafft wurde, darf ich nicht weiter erzählen, soviel musste ich gerade unterschreiben. Auch wenn ich angewiesen wurde, nicht zu viel darüber nachzudenken, bin ich sicher, dass für dieses Krankenhaus ein Spion arbeitet, der meinen Datensatz aus dem Archiv des Geheimlabors besorgt hat. Es scheint tatsächlich so eine Art von Gegenbewegung zu geben, gegen die Menschenversuche, oder zumindest ein paar Eingeweihte, die ins Nichts geflohene Existenzen auffangen. Der Sinn des Ganzen wird mir trotzdem noch nicht klar.
Ich gehöre wieder mir, sogar die metallischen Reste der alten Implantate wurden restlos entfernt. Ich konnte es kaum glauben, habe ganz genau meinen rechten Unterarm und die Stelle am Hinterkopf abgetastet, wo immer ein paar Keramik-Reste dicht unter der Haut spürbar gewesen waren. In ein paar Tagen werde ich auch meinen richtigen Namen erfahren, wenn die Beamten vom internationalen Register die Anfrage bearbeitet haben.
Eine Woche muss ich noch hier bleiben, bis das Transfer-Virus das Backup in alle meine Zellen kopiert hat. Hier, also, ich bin hier in der medizinischen Hochschule. Nadiye soll auch im Gebäude sein, der psychologische Notdienst hat sie vorübergehend behalten.

Die Ihme glitzert wie tausend Sterne im Sonnenlicht, Dort oben ist das Fenster meiner Wohnung. Wir sitzen gerade am Wasser, neben dem kleinen Bootsverleih, wo ein netter Träumer seit angeblich fast zehn Jahren schon selbst gezimmerte Paddelboote verleiht, und Spaziergänger für etwas Kleingeld über den Fluss fährt. Hinter dem Fenster wartet ein großer Eimer orange-gelbe Farbe. Wir werden die Wohnung endlich schön streichen, morgen früh geht es los.
Der Fährmann mit seinen Holzbooten hat uns vorhin gefragt, ob wir nichts zu tun hätten, außer an seinem Steg herum zu hängen; er könnte dringend einen Mitarbeiter gebrauchen, der auf neue Gäste wartet, während er mit den Touristen eine Rundfahrt durch Linden dreht. Ich mag den Fluss, hier hat mein neues Leben begonnen. Am Ufer und auf dem Wasser zu arbeiten, könnte mir gefallen.

Ein völlig neues Lebensgefühl, unglaublich ist das, stell dir das mal vor: Du stehst morgens vor der Sonne auf, spürst eine fast schon magische Harmonie in der Luft schwingen, reißt das Fenster auf, und mit dem Wind weht eine Welt herein, deine Welt, die die ganze Nacht auf dich gewartet hat. Irgendetwas wundervolles hat sich getan, tief in meinem Kopf, wo sich noch letzte Woche kein Lichtstrahl hinein gewagt hat.
Den Job beim Bootsverleih hab ich neulich angenommen, stehe seitdem jeden Tag am Steg, stets bei meinem Fluss, auch wenn nicht immer die Sonne darauf glitzert. Natürlich arbeite ich nur gerade so viel, dass ich mir Wohnung und Essen leisten kann. Nadiye macht es genauso, sie arbeitet immer noch nachmittags im Öko-Laden gegenüber. Heute veranstaltet sie wiedermal einen Demo-Tag, der Tierschutz-Club einer nahe gelegenen Schule hat vor der Tür einen Stand aufgebaut und verteilt Flugblätter. Ich geh mal kurz schauen, wofür die demonstrieren.
Vor dem Bioladen werde ich sofort von einer Gruppe Zwölfjähriger umringt, die sich bei jedem Besucher fast darum streiten, wer wem welches Plakat erklären darf. Ihre Themen sind ein Rundumschlag gegen alles, was man mit Lebewesen falsch machen kann. Während ich noch überlege, ob ich mit den Kleinen zuerst über Boykott von Massentierhaltung reden soll, oder über artgerechte Meerschweinchen-Käfige, bahnt sich wieder eine dieser unerwarteten Erinnerungen ihren Weg.
Ich habe auch einmal hier gestanden, genauso jung, genauso aufgeregt, und mit einer ganz ähnlichen Mission. Ein Nebelschleier legt sich vor die bunte Plakatwand, für einen Moment verblassen die fremden Kinder, als mein Gedächtnis verzweifelt an dem versunkenen Detail zerrt, gegen was wir früher immer gekämpft hatten.
Gerade sehe ich noch einen Zwölfjährigen mit Kugelschreiber und Liste in mein Blickfeld treten, lese die Titelzeile seiner Unterschriftensammlung, da schlägt das vergessene Bild wie ein Blitz ein, dass die Außenwelt verschwindet.
Tierversuche. Die Schüler sammeln Unterschriften gegen Tierversuche, wie schon zu meiner Zeit, und nichts hat sich seitdem getan. An langen Abenden hatten wir stundenlang zusammen gesessen, und uns gefragt, warum in der Chemieindustrie niemand das absolut Offensichtlichste kapiert, nämlich dass Hunde weder Ratten noch Kaninchen sind, und erst Recht keine Menschen. Jeder Tierhalter wusste doch, dass einfache Schokolade für Hunde schon in geringen Mengen tödlich sein kann - und dass Mäuse Contergan locker wegstecken, haben viele Menschen schmerzlich erfahren müssen.
Wir saßen also auf dem Schulhof herum, und fragten uns, warum überhaupt Geld für Tierversuche ausgegeben wird, wo die Ergebnisse doch ausschließlich als Füllmaterial für Papierkörbe einen eventuellen Wert haben. Dann haben wir unser Taschengeld zusammen gelegt, und Flugblätter gedruckt. Wir haben förmliche Briefe an Unternehmen geschickt, und niemals vernünftige Antworten erhalten.
In meinen Ohren dröhnt ein Krachen, als mit einem noch grelleren Blitz die Erkenntnis einschlägt. Endlich habe ich verstanden, jetzt weiß ich, warum so viele Chemie-Konzerne der Öffentlichkeit vorspielen, sie würden Substanzen völlig sinnlos an Tieren testen, obwohl es inzwischen jeder besser wissen muss. Ihnen ist noch keine andere Tarnung eingefallen.
Niemand will einen Skandal riskieren. Die einzige Möglichkeit, die Verträglichkeit eines neuen Präparats zu garantieren, ist ein Test an lebenden Menschen unter kontrollierten Bedingungen. Es gibt keine Tierversuche, schon lange nicht mehr. Die Industrie hat längst kapiert, was wir arme Amateur-Ethiker ständig zu vermitteln versuchten.
Schon lange wird mit Menschen experimentiert, und damit niemand etwas davon ahnt, steckt man tausend armselige Viecher in perverse Käfige, lässt ab und zu ein paar Fotos durchsickern, und streicht die unterirdischen Etagen des Laborkomplexes aus dem Gebäudeplan. Jedes Jahr verschwinden mehrere hundert Menschen. Endlich habe ich geschnallt, in wessen Kellern sie bleiben.

Durch dichten Neben hindurch höre ich aufgeregte, helle Stimmen aus allen Richtungen. Was ist passiert? Der gepflasterte Fußweg schmiegt sich kühl und sandig an meine Hände, die mich langsam in eine aufrechte Position schieben. Mit leicht zitternden Wimpern zwinge ich meine Augen auf, und erschrecke kurz über das Mädchen vor meiner Nase. Neben ihr steht ein anderes Schulkind, das mit einem Telefon spielt. Schnell mache ich den Kleinen klar, dass ich keinen Krankenwagen brauche, und erfinde eine Geschichte, dass ich öfters Kreislaufprobleme hätte. Das klingt glaubwürdig genug, damit sich der Tierschutz-Club wieder beruhigt.
Dann greife ich mir doch noch die Unterschriftenliste, und unterzeichne in Schönschrift gegen Tierversuche in der Kosmetik-Herstellung ... Nein, gegen das Netzwerk aus durchgeknallter Produktoptimierung, stellvertretend für das Kaninchen, das stellvertretend für uns vom Flugblatt lacht. Hinter den versammelten Zwölfjährigen erkenne ich nun auch den dunklen Umriss einer größeren Person. Nadiye ist aus dem Laden gekommen, und führt mich vorsichtig zurück zu meinem Platz vor den Holzbooten. Ich werde ihr sofort erklären, was mir nach so vielen Jahren endlich eingeleuchtet ist - wenn sie es nicht schon weiß.

Um die Makeup-Regale bei H&M mache ich gezielt eine großen Bogen, man muss schließlich auf seine Polizeiakte achten. Zugegeben, trotz aller "Resozialisierung" bekomme ich manchmal doch noch kleine aggressive Anfälle. Die meisten richten sich gegen Frauen, und zwar in Drogerien, oder an Ständen mit solcher Billig-Schminke. Wenn ich im Vorbeigehen so eine Zicke den Verkäufer fragen höre, welches preisgünstige Schmierzeugs denn dermatologisch getestet ist, 'tschuldigung, dann muss ich raus rennen, und außer Sichtweite erstmal an etwas anderes denken.
Was soll's, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.